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Fake News Ausstellung

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Mit Fake News missliebige Rivalen
ausschalten – das konnten schon die Römer. Allen voran Gaius Octavius, der spätere Kaiser Augustus I.: Im Streit mit seinem Rivalen Markus Antonius stiehlt er dessen Testament aus einem Tempel. Darin steht, dass Antonius sich in Alexandria begraben lassen will. Das nutzt Octavius und behauptet, sein Gegner sei ein Verräter, der plane, den Sitz der Hauptstadt von Rom nach Alexandria zu verlegen. Das Volk glaubt die Geschichte und hilft, einen Krieg gegen Antonius anzuzetteln. Der unterliegt und nimmt sich zusammen mit seiner Geliebten Kleopatra das Leben.


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Der Massenmord an neugeborenen Jungen, angeordnet von Kaiser Herodes dem Großen, ist eine der bekanntesten Geschichten aus der Bibel. Aus Angst vor dem prophezeiten „König Israels“ Jesus, der ihm den Thron streitig machen könnte, befiehlt der Kaiser ein Blutbad. Mittelalterliche Autoren sprechen von rund 144.000 Opfern. Herodes war zwar tatsächlich ein strenger Herrscher, der auch eigene Verwandte umbringen ließ, wenn sie ihm gefährlich wurden. Die Geschichte vom Kindermord bezweifeln Historiker heute jedoch: Es gibt nicht genug verlässliche Quellen. Außerdem besagt das Lukas-Evangelium, dass Jesus während der ersten  Volkszählung in Judäa geboren wurde. Die fand jedoch nachweislich zehn Jahre nach Herodes‘ Tod statt.

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Politiker geben manchmal Sätze von sich, die zu geflügelten Wörtern werden: „Yes we can“, „Wir schaffen das“, „Ich bin ein Berliner“,… König Ludwig XIV., dem berühmten Sonnenkönig, wird ebenfalls ein solcher Satz zugeschrieben: „L’État, c’est moi“ soll er zu seinem Parlament gesagt haben, „der Staat bin ich“. Damit wurde er zum Symbol für die arrogante Herrscherklasse im Absolutismus, die sich selbst über das Gesetz erhebt. In Wahrheit hat Ludwig das wohl nie gesagt. Es ist unklar, woher der Satz eigentlich stammt. Der Historiker Adolphe Chéruel schrieb 1855: „Statt dieser dramatischen Scene zeigen uns die zuverlässigsten Dokumente den König, wie er allerdings dem Parlament Schweigen gebietet, aber
ohne einen unverschämten Hochmut zur Schau zu tragen.“ Der Spruch hat trotzdem überlebt.

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Ein weiteres französisches Bonmot wird der jungen Königin Marie Antoinette zugeschrieben. Auf die Nachricht, ihr Volk habe kein Brot mehr, soll sie geantwortet haben: „Dann sollen sie doch Kuchen essen.“ Auch im 2006 erschienenen Film über das Leben der französischen Königin spricht Schauspielerin Kirsten Dunst kokett lächelnd diesen Satz. Der überhebliche Ausspruch stammt jedoch aus der Autobiographie von Jean-Jacques Rousseau, die der Philosoph bereits um 1766 niedergeschrieben hatte – Jahre vor Marie Antoinettes Thronbesteigung. Damals trug das Gerücht zur wachsenden Unbeliebtheit der Königin bei, die beim Volk wegen ihres ausschweifenden Lebensstils ohnehin schon nicht wohl gelitten war.

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Leserbriefe sind seit jeher ein Mittel, Journalisten Feedback über ihre Arbeit zu geben. Sie bieten jedoch auch Gelegenheit, die Medienmacher hereinzulegen. Zur Perfektion
gebracht hat das der Wiener Ingenieur Arthur Schütz, dem die vielen überkandidelten Fachbegriffe in der österreichischen Tageszeitung „Neue Freie Presse“ derart zuwider waren, dass er beschloss, die Redakteure mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Nach einem Erdbeben, über das die Zeitung berichtet hatte, schrieb er an die Redaktion: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, dass mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“ Ein Grubenhund ist jedoch kein Haustier, sondern bezeichnet die Förderwagen in Bergwerken. Die Redakteure übersahen die Anspielung und druckten den Brief unredigiert ab. Ganz Wien war amüsiert, der Begriff ist bis heute erhalten geblieben: für
Leserbriefe, die bewusst Falschmeldungen verbreiten.

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Die Neue Zürcher Zeitung benutzt als erste öffentlich den Begriff „Dolchstoß von hinten“ - und prägt damit die Metapher für eine Umdeutung der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Die Zeitung beruft sich dabei auf ein Zitat des britische Generals Frederick Maurice. Dieser dementiert später empört, dennoch trägt die angeblich seriöse Quelle viel zur Akzeptanz der „Dolchstoßlegende“ bei. Inhalt der Kriegsschuldlüge, die den Hass einer ganzen Generation auf kommunistische „Verräter“ und Juden begründet, ist die Behauptung, Deutschland hätte den Krieg nicht wegen militärischer Fehler, starker Gegner oder mangelnder Truppenstärke verloren. Vielmehr seien die Intrigen der Sozialdemokraten und das „internationale Judentum“ Schuld an der Niederlage. „Im Felde unbesiegt“ ist zur gängigen Parole geworden. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg gab später zu, dass die Lüge dem Zweck gedient habe, die Macht des Militärs zu stärken.

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Von so einem Coup träumt jeder Journalist. Die Tagebücher von Adolf Hitler, exklusiv, vollständig, gut erhalten. Der Jubel war groß bei der Wochenzeitschrift Stern, die Ungeduld auch: Ohne eine Echtheitsuntersuchung des Bundeskriminalsamts abzuwarten, titelt das Magazin „Hitlers Tagebücher entdeckt“. Geplant ist eine mehrwöchige Serie. Das Problem: Der Stern ist auf eine Fälschung hereingefallen. Die Blamage für den Stern ist riesig, ebenso der finanzielle Schaden – 9,3 Millionen Mark hat die Zeitschrift für die 62 Bände ausgegeben. Zum Schaden hinzu kam noch der Spott, denn Stern-Reporter Gerd Heidemann und sein Team übersahen offensichtliche Hinweise auf eine Fälschung. Der Fälscher Konrad Kujau führt die Reporter dreist an der Nase herum: Weil ihm ein A in der passenden Schrift fehlt, verziert er die Titelseiten der Tagebücher stattdessen mit den metallenen Lettern FH. Heidemann wurde später zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt, die Chefredaktion des Stern trat zurück.

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 „Todsicher“ und „felsenfest“ seien die Beweise für Massenvernichtungswaffen im Irak, sagte der amerikanische CIA-Direktor George Tenet. Das reichte US-Präsident George W. Bush und seinem Außenminister Colin Powell. In einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat rechtfertigte Powell den einen Monat später beginnenden Angriffskrieg gegen den Irak mit angeblichen atomaren und biologischen Waffen.
Später stellten sich die Informationen über Massenvernichtungswaffen als falsch heraus. Teilweise basierten sie auf den Aussagen eines einzigen Zeugen.

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Das Online-Magazin „Der Postillon“ ist neben seinen satirischen Falschmeldungen vor allem berühmt für seinen „Newsticker“, der nur aus Überschriften besteht, die ein Wortspiel enthalten, wie zum Beispiel: „Verfolgt große Ziele: Elefantenjäger will berühmt werden“. Oder „Chow-Chow: Italienerin setzt Hund aus“. Obwohl es die Website seit fast zehn Jahren gibt, fallen immer noch Menschen auf die Fake News herein. So glaubte AfD-Politikerin Beatrix von Storch
einem Artikel von 2015, der beinhaltete, dass eine europäische
Fußballnationalmannschaft geschaffen werden soll. Storch kritisierte Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür scharf.

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Flüchtlinge sollen einen Streichelzoo bei Magdeburg geplündert und die Ziegen gekocht und aufgegessen haben – über diese Nachricht empörte sich das Netz 2015. Sie bot willkommenen Auftrieb für Rechtspopulisten und besorgte Bürger. Der Verein Mimikama aus Österreich, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Fake News im Netz nachzurecherchieren und aufzuklären, ging der Meldung nach. Das Ergebnis: Eine Plünderung hat es nie gegeben. Der Streichelzoo ist auch gar kein Streichelzoo und war nie einer, sondern eine zweitägige Kleintierschau. Laut zuständiger Stelle für Feuerschutz und Gewerbe sind alle Tiere wohlauf. Ziegen habe es bei der Schau übrigens nicht gegeben. 
(Foto: Armin Kübelbeck, CC-BY-SA, Wikimedia Commons)

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Diese Falschmeldung haben viele Amerikaner sehr ernst genommen: US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton soll in einem Kinderpornoring aktiv sein, der aus dem Keller einer Pizzeria in Washington betrieben wird. Grund für das Gerücht waren geleakte Mails zwischen dem Besitzer der Pizzeria und Clintons Wahlkampfmanager John Podesta. Darin vorkommende Wörter wie Pizza „entlarvten“ Verschwörungstheoretiker als Codewörter für Mädchen oder Orgie. Die Nachricht verbreitet sich unter dem Hashtag „pizzagate“ rasend schnell über das Internet. Auch Präsident Barack Obama und Sängerin Lady Gaga sollen im Kinderpornogeschäft tätig sein. Am 4. Dezember stürmt der 28-jährige Edgar Welch mit einem Sturmgewehr bewaffnet in die Pizzeria, um die dort eingesperrten Kinder zu befreien. Als er weder einen Keller noch gefangene Sexsklaven findet, lässt er sich widerstandslos abführen.

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Innerhalb von Minuten wird dieses Bild auf Facebook hunderte Male geteilt. Mit jedem Klick, jedem Like und jedem Kommentar verbreitet es sich weiter im Netz. Die Nutzer teilen das Foto auch auf anderen sozialen Netzwerken -  auf Twitter, Instagram oder verschicken es über WhatsApp. Innerhalb einer Stunde ist das Foto auf tausenden Smartphones und Computern gespeichert, tausende Menschen sind der Überzeugung: Es gab einen Anschlag in Ulm! Das Münster ist explodiert! Dabei zeigt ein kurzer Besuch in der Innenstadt: Auf dem Münsterplatz ist alles ruhig. Das Bild stammt von einem Nutzer, der seine Freunde hereinlegen wollte. Er hat das Bild mit Photoshop gestaltet und über sein privates Facebook-Konto online gestellt. Die Nachricht vom explodierenden Münster gehört in die Kategorie „Fake News“.

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„Fake News sind Nachrichten, die absichtlich und nachweisbar falsch sind und die Leser in die Irre führen können.“ Diese Definition haben die amerikanischen Ökonomen Matthew Gentzkow (Standford University) und Hunt Allcott (New York University) aufgestellt, die aktuell zu dem Thema forschen. Diese falschen Nachrichten werden über elektronische Kanäle, meist über soziale Medien, verbreitet.

Ein Beispiel: Im Herbst 2016 warnten zahlreiche Meldungen im Internet vor Horror-Clowns, die Menschen erschrecken oder sogar angreifen. Tatsächlich schwappte das Clown-Phänomen zu dieser Zeit über Deutschland. Viele dieser Meldungen waren aber auch frei erfunden, wie etwa die Clown-Sichtung in Kirchberg an der Jagst.
Für die Erstellung und Verbreitung von Fake News kann es verschiedene Beweggründe geben:

Persönliche Motive: Zum Beispiel der Photoshop-Künstler, der das Bild vom explodierenden Münster gestaltet hat. Er will seine Freunde auf diese Weise hereinlegen.

Politische Motive:
Personen, die Einfluss auf eine Wahl nehmen möchten. Bei der US-Wahl kam zum Beispiel die Befürchtung auf, dass Fake-News den Ausgang beeinflusst hätten.

Wirtschaftliche Motive: Professionell organisierte Fake-News-Fabriken. Sie möchten Nutzer auf ihre Seite locken, um Geld von Werbetreibenden zu kassieren.

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Jeder kann Fake News über sozialen Medien im Netz teilen - das zeigt das Beispiel vom explodierenden Münster. Es gibt aber auch professionell betriebene Webseiten, die sich auf die Verbreitung von Fake News spezialisiert haben.

Der Verein Mimikama hat sich zum Ziel gesetzt, Internetmissbrauch und Fakes zu bekämpfen. Die Experten teilen Fake News grob in drei verschiedene Kategorien ein:

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Diese Seiten verbreiten falsche Nachrichten, ohne lustig zu sein. Oft haben diese Webseiten einen festen Autorenstamm und eine richtige Redaktion. Das Ziel ist es, Leser auf die Seite zu locken, um mit Werbung Geld zu verdienen. Diese Kategorie trifft den eigentlichen Kern der Fake-News-Debatte.

Ein Beispiel:
Die vermeintliche Nachrichtenseite Libertywriters.com, die im Juni 2016 von Ben Goldman und Paris Wade gegründet wurde. Fast alle Meldungen auf der Seite sind frei erfunden - und fast alle sind pro Trump. Die Facebook-Seite des Portals haben fast 1,7 Millionen Menschen mit einem "Gefällt mir" markiert.

Im deutschsprachigen Raum sind diese redaktionell betriebenen Seiten selten, stellen die Autoren des Vereins Mimikama fest. Allerdings gibt es auch hierzulande Seiten, auf denen jeder Internetnutzer selbst Fake-News erstellen kann. Die Webseite „24aktuelles.com“ ist ein Beispiel. Hier wurden zum Beispiel im vergangenen Jahr zahlreiche falsche Meldungen über Horror-Clowns verbreitet.

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Diese Webseiten machen sich über die Nachrichten lustig. Die Stories sind übertrieben und sollen witzig sein – das ist auch eindeutig zu erkennen. Oft wird im Impressum darauf hingewiesen.

Ein Beispiel: In Deutschland ist die eine der bekanntesten Satire-Seiten der „Postillon“. Hier sind dann etwa Schlagzeilen zu finden wie "Frau findet Gegenstand in Handtasche auf Anhieb" oder "Grand Prix de Vatican: Kirchenstaat bekommt eigene Formel-1-Rennstrecke".

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Clickbait heißt zu Deutsch Klickköder. Das Ziel ist es, mit einer besonders reißerischen Überschrift höhere Zugriffszahlen zu erzielen.

Die Nachrichten sind nicht von Grund auf falsch. Clickbait-Webseiten dramatisieren Teilaspekte und Details einer wahren Geschichte. Andere Aspekte, die für das Verständnis des Zusammenhangs wichtig sind, werden dabei allerdings vernachlässigt.

Ein Beispiel:
Die Experten von Mimikama siedeln zum Beispiel die Webseite „anonymousnews.ru“ in diese Sparte an. Diese Seite ist auf hetzerische Überschriften und Geschichten spezialisiert, die nur einzelne Aspekte eins Inhalts berücksichtigen. .

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Welchen Einfluss Fake News haben können, lässt sich am besten an der US-Wahl im vergangenen Jahr darstellen. Während des Wahlkampfs 2016 wurden zahlreiche falsche Nachrichten über die Kandidaten verbreitet.

Ein Beispiel: Unter dem Hashtag #pizzagate ging das Gerücht um, Clinton habe ein Pädophilie-Netzwerk in einer Pizzeria in Washington betrieben.

Nach dem Wahlsieg Trumps kam die Befürchtung auf, dass Fake News die Wahl massiv beeinflusst haben. Einige legten sogar nahe, dass Trump sonst nie Präsident geworden wäre – denn Pro-Trump-Geschichten wurden wesentlich öfter geteilt als Pro-Clinton-Geschichten.

Eine Anfang 2017 veröffentlichte Studie der Ökonomen Matthew Gentzkow (Standford University) und Hunt Allcott (New York University) zeigt nun aber, dass der Einfluss von Fake News auf die Wahl wesentlich geringer war als befürchtet.

Demnach war Social Media für die meisten Amerikaner nicht die Haupt-Quelle für politische Nachrichten. Nur 14 Prozent gaben an, sich auf Facebook und andere Social-Media-Seiten als ihre wichtigste Quelle verlassen zu haben. Nach wie vor blieb das Fernsehen die wichtigste Informationsquelle im Wahlkampf.

Die Forscher fanden heraus, dass sogar die am weitesten verbreiteten Fake News nur von einem kleinen Teil der Amerikaner gesehen wurden. Und nur wiederum die Hälfte von ihnen glaubte diesen Nachrichten. Eine einzige Fake Nachricht hätte somit eine unwahrscheinlich hohe Überzeugungsrate haben müssen, damit tatsächlich der Ausgang der Wahl hätte beeinflusst werden können.

Trotzdem: Es ist natürlich möglich, dass bestimmte Fake Nachrichten wesentlich effektiver sind als in der Studie angenommen.

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Viele Falschmeldungen lassen sich mit ein paar einfachen Tricks selbst enttarnen. Wir haben einige Tipps von Experten des Internet-Vereins Mimikama und des Annenberg Public Policy Centers der Universität in Pennsylvania gesammelt. Ein erstes Warnsignal ist demnach eine überspitzte Darstellung ohne ausführliche Erklärungen. Folgende Fragen sollten Sie sich dann stellen:

Wer steckt dahinter?
Es gilt, genau hinzusehen: Manche Webseiten geben selbst schon eine „Satire-Warnung“ auf ihrer Webseite an. Bei anderen ist es weniger offensichtlich. Das Impressum verrät aber einiges. Sind dort nachvollziehbare Daten mit einer sinnvollen Adresse angegeben? Oder verweist das Impressum lediglich auf ein Postfach im Ausland? Manche Fake-News-Seiten geben erst gar kein Impressum an. Auch ein Blick auf Ansprechstellen und Kontaktpersonen lohnt sich.

Wie geht die Story weiter?
Eine Schlagzeile kann gar nicht alle Aspekte beinhalten. Lesen Sie also in jedem Fall den ganzen Text, bevor sie eine provozierende Nachricht weitergeben.

Wer ist der Autor?
Überprüfen Sie, wer den Text verfasst hat. Ist überhaupt ein Autor angegeben? Wenn ja: Es lohnt sich, den Namen zu googlen.

Wer wird zitiert?
In vielen Fällen zitieren Fake-News-Autoren offizielle Quellen – oder Quellen, die sich möglichst offiziell. Diese Quellen gibt es häufig gar nicht. Klicken Sie also beispielsweise auf Links, auf die verwiesen wird, oder suchen Sie im Internet nach den Quellen.

Wann wurde der Artikel veröffentlicht?
Manchmal entstehen Fake News, weil alte Nachrichten Jahre später neu gepostet werden. Der Zusammenhang ist dann ein ganz anderer. Ältere Nachrichten können überholt sein.

Ist es ein Witz?
Kontrollieren Sie: Ist die Seite überhaupt ernst gemeint – oder könnte es auch Satire sein? Nicht jeder versteht jeden Witz auf Anhieb.

Wer berichtet sonst noch davon?
Es lohnt sich, den Inhalt der Nachricht gegenzuchecken. Haben andere (seriöse) Medienportale das Thema auch behandelt? Oder wurde der Artikel nur von anonymen Blogs immer wieder kopiert? Hier hilft die Google-Suche unter dem News-Reiter.

Woher kommt das Bild? Beinhaltet der Artikel ein Foto, hilft es, auch das zu kontrollieren. Oft zeigt entweder das Bild eine reale Situation, der dazugehörige Text ist aber falsch – oder ein Textinhalt stimmt, wird auf dem Bild aber falsch in Szene gesetzt. Hier hilft die Rückwärtssuche von Bildern über Google Images

Wurde die Nachricht schon als falsch enttarnt?
Es gibt mittlerweile einige Webseiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Fake News zu enttarnen. Diese haben auch oft eine Suchmaschine – zum Beispiel „hoaxsearch.com". Wer bei einer Nachricht skeptisch wird, kann sie hier gegenchecken. Gibt es keine Ergebnisse, ist auch eine direkte Anfrage an Betreiber solcher Seiten möglich.

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Sergej Sobjanin ist im Internet ein beliebter Mann. Sehr beliebt sogar. Am 6. Juni um 21 Uhr folgten dem Moskauer Bürgermeister auf Twitter stolze 337.565 Menschen. Dreihundertsiebenunddreißigtausendfünfhundertfünfundsechzig. Mit der Zeitangabe muss man an dieser Stelle sehr genau sein, Sobjanin ist so beliebt, dass die Zahl seiner Anhänger minütlich steigt. Am 6. Juni um 21 Uhr waren die Kurznachrichten des putintreuen Politikers damit weit gefragter als die der meisten deutschen Politiker und definitiv mehr als die des beliebtesten deutschen Bürgermeisters (Olaf Scholz, 26.447 Follower). Nur: Woher die Beliebtheit rührt, ist  nicht so ganz klar.   Auf Sobjanins Profilbild blickt einem ein etwas freudlos wirkender, älterer Mann entgegen; kantiger Bürstenhaarschnitt, weißes Hemd, dunkles Jackett. Moskauer Journalisten beschreiben Sobjanin als uncharismatischen Bürokraten, das Bild spricht eine ähnliche Sprache.

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Der Bürgermeister selbst folgt auf Twitter 76 Profilen, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin etwa, oder dem Ministerpräsidenten Dimitri Medwedew. Eine ausgeprägte Interaktion mit den Bürgern der Stadt ist nicht zu erkennen. Etwa fünf Kurznachrichten setzt Sobjanin pro Tag ab: Wie finde ich Sportplätze in meiner Nähe, wie lange werden die Bauarbeiten am Kiewer Bahnhof dauern, warum sich der Bürgermeister auf die neue Fußgängerzone am Ufer der Moskwa freut – solche Sachen halt. Doch egal, was er schreibt, Sobjanin kann mit einer respektablen Anzahl positiver Reaktionen rechnen.   Viele der Follower Sobjanins sind deutlich als Social Bots zu erkennen, die der Welt eine absurd hohe Anhängerschaft vorgaukeln. Doch die positiven Rückmeldungen kommen von richtigen Menschen. e

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Das ist umso erstaunlicher, als dass der Moskauer Bürgermeister in der analogen Welt durchaus auch Kritiker hat. Sein Entschluss, mehr als 4000 Wohnhäuser aus der Chruschtschow-Ära, in denen mehr als eine Million Menschen leben, abzureißen, hat bei den Bewohnern zu heftigen Protesten geführt. Doch die Wut spiegelt sich im Internet kaum wider. Im Gegenteil: Im Internet sind die Abriss-Befürworter klar in der Mehrheit.

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Russische Randmedien haben für diesen Umstand eine Erklärung: Sobjanin soll sehr viele Ressourcen darauf verwenden, um im Internet seine eigene Realität zu schaffen. Und das geht nur, indem man mehr, professioneller und aggressiver kommuniziert als alle anderen.   Der Journalist Aleksej Kovaljov geht davon aus, dass die Stadt Moskau unter Sergej Sobjanin jährlich 230 Millionen Dollar für die digitale Deutungshoheit ausgibt. Auf seinem Blog noodleremover.news hat er sich angeschaut, welche Menschen in Sozialen Netzwerken den Abriss der Häuser befürworten. Sein Ergebnis: Viele der Fürsprecher-Profile gehören Menschen, deren Bilder und Selbstbeschreibungen darauf schließen lassen, dass sie nicht in den Chruschtschow-Häusern wohnen, dafür aber mit der sogenannten Jugendkammer in Verbindung stehen, einer Nachwuchsschmiede für Jungpolitiker.

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„Sie agieren als lebende Bots“, erklärt Kovaljov in einem Bericht des Senders Radio Liberty. „Als Belohnung werden ihnen Karriereoptionen in der Moskauer Stadtregierung versprochen.“ Jede positive Reaktion auf Twitter und Vkontakte, dem russischen Facebook, wird so zu einem Baustein für ein prosperierendes Berufsleben.   Zudem kümmere sich Informationen der wöchentlich erscheinenden Moscow Times zufolge eine Firma namens Moscow Information Technologies (MIT) darum, die Informationen zu streuen, die die Stadtregierung gerne gestreut haben möchte – indem sie schnell mit eigens angelegten Websites in aktuelle Diskussionen eingreift, Artikel schreibt, Video-Clips generiert. Die Zeitung schreibt von einem „Propaganda-Imperium“, das nur dazu diene, die Beliebtheit des Bürgermeisters zu unterstreichen.

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Die lebenden Bots erledigen so die Aufgaben, die maschinell noch nicht erledigt werden können. Social Bots sind in der Regel recht schnell als solche zu erkennen, sie können stumpfe Botschaften absetzen, können manche Debatten verzerren, doch intelligent in Diskussionen eingreifen können sie nicht. Dafür braucht es nach wie vor Menschen.   Diese Taktik ist in Russland nicht neu. Vor etwa zwei Jahren deckten gleich drei russische Journalisten auf, dass es in Sankt Petersburg sogenannte Trollfabriken gibt. 400 junge Menschen sollen dort in Großraumbüros die öffentliche Meinung im Dienste des Kremls formen, indem sie Blog-Einträge schreiben, in sozialen Netzwerken kommentieren, Karikaturen zeichnen und Videos produzieren, sagte die Journalistin und Aktivistin Ludmilla Sawtschuk der Zeitung „Die Welt“. Erlaubt sei alles, was Russland in guten und westliche Länder in weniger gutem Licht dastehen lassen.

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Und die Taktik hat sich offenbar bewährt. Ludmilla Sawtschuk berichtete, dass sich die Kampagnen der Trollfabriken längst nicht mehr nur auf Russland beschränken, sondern auch in Serbien, Deutschland, Frankreich und den USA das Meinungsklima zugunsten des Kremls beeinflussen sollen. Und spätestens seit dem US-Wahlkampf im Jahr 2016 ist klar, dass auch staatliche Hacker im Kampf um die Deutungshoheit im Netz mitmischen.
Die russische Propagandamaschine ist im Ausland zumindest aus PR-Sicht ein voller Erfolg. Nicht wenige sind der Ansicht, dass Donald Trump niemals zum US-Präsidenten gewählt worden wäre, wenn russische Trolle und Hacker nicht in den Wahlkampf eingegriffen hätten. Ihnen wird die Veröffentlichung von E-Mails aus Hillary Clintons Wahlkampfzentrale ebenso zugeschrieben wie die zahlreichen Falschnachrichten, die im Herbst 2016 Soziale Medien überschwemmten.
„Keiner kann sagen, welchen Einfluss die geleakten E-Mails auf den US-Wahlkampf hatten“, sagt der Moskauer Journalist Andrej Soldatov, der sich seit den 90er Jahren mit dem russischen Geheimdienst FSB beschäftigt, der SÜDWEST PRESSE. „Aber das ist auch egal. Letztlich hat keiner über den Inhalt der E-Mails gesprochen. Alle haben über die Tatsache geschrieben, dass die Russen die USA gehackt hatten. Und der FSB kann jetzt sagen: Schaut her, wir sind so mächtig, dass wir sogar die Wahlen in Ländern wie den USA und Deutschland beeinflussen können.“

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Dieser PR-Erfolg ist für den Kreml fast ebenso wichtig wie die direkte Beeinflussung der Menschen. Er weckt Zweifel, auch an korrekten Nachrichten. Er zeigt, dass das Internet nicht ausschließlich das Medium freiheitsliebender Demokraten ist. Und er demonstriert eine Macht, die Russland in der analogen Welt gar nicht hat. „Im Internet kann ein Staat, anders als im Kalten Krieg, auch ohne große finanzielle Ressourcen stark werden“, sagt Soldatov. Gegenüber anderen Staaten. Gegenüber der eigenen Bevölkerung.   Am 6. Juli um 16 Uhr hatte Sergej Sobjanin bereits 338.371 Follower. Dreihundertachtunddreißigtausenddreihunderteinundsiebzig.

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